Interview mit Tierrechtler Dag Frommhold
„Tieren steht das Recht
auf Leben zu"
Straflose Lusttötung unter dem Deckmantel ökologischer Pseudoargumente

Dag Frommholds Buch »Jägerlatein« ist eine erschreckende Analyse von Jagd und Jägern in Deutschland. Unmissverständlich wird deutlich, wie erdrückend einerseits die ökologische Beweislage und wie grausam und sinnlos andererseits das durch die Jagd verursachte Tierleid ist. Mit kaum zu überbietender Gründlichkeit räumt dieses Buch mit der immer noch weit verbreiteten Vorstellung vom Jäger als Heger und Naturschützer auf. Welche nicht zuletzt ethischen Fragen bewegen einen jungen Menschen, sich so engagiert für die Tiere einzusetzen?

Frage: Herr Frommhold, zunächst eine persönliche Frage: Warum setzen Sie sich überhaupt für die Tiere und gegen die Jagd ein?

Dag Frommhold: Ich bin schon immer ein Fuchsfan gewesen. Mit fünf Jahren habe ich meine ersten Kurzgeschichten über Füchse geschrieben. Wer sich mit Füchsen beschäftigt, stößt irgendwann auf das Thema Jagd. Dazu kam dann die Beschäftigung mit anderen naturschutzrelevanten Themen, z.B. Pelztierfarmen. Das hat mein Interesse an den Tierrechten sehr gestärkt. Ich habe dann angefangen, mich mit der Materie auseinander zusetzen. Schon damals, als ich zwölf, dreizehn war - das war der Zeitpunkt, wo es dann wirklich los ging - war mir klar, dass Wissen in diesem Bereich natürlich auch Macht ist: Wenn man andere Leute informiert, kann man möglicherweise etwas bewirken, kann möglicherweise auch Änderungen herbeiführen. Ich habe mit 13 oder 14 Jahren meine ersten Artikel in der Tierrechtspresse veröffentlicht und mit verschiedenen Organisationen zusammengearbeitet.

Ich war dann um die sechzehn, als ich auf den Gedanken kam: Eigentlich könnte ich aus dem ganzen Wissen, aus dem ganzen Material, das ich in der Zwischenzeit gesammelt hatte, ein Buch machen. Ich habe dann mit siebzehn mein erstes Buch geschrieben, einen Roman über Füchse. Kurz danach habe ich das »Anti-Jagdbuch« geschrieben.

Frage: Haben sich auch persönliche Erfahrungen mit Jägern ergeben?

Dag Frommhold: Ja, im Rahmen von Veranstaltungen und diversen Leserbrief-Schlachten. In dem Kreis, in dem ich zu Hause bin, hatten die Jäger als gestandene Männer ernsthafte Schwierigkeiten damit, in Leserbrief-Schlachten von einem Fünfzehnjährigen in Grund und Boden diskutiert zu werden. Ich habe viele böse Anrufe bekommen - Leute, die dann bei meinen Eltern angerufen haben und gesagt haben: »Sie haben aber einen unerzogenen Jungen!«. Meine Eltern hat das relativ wenig beeindruckt, sie standen in jeder Hinsicht immer hundert Prozent hinter mir. Ich habe mir nicht sehr viel aus diesen Anfeindungen gemacht. Im Rahmen von Veranstaltungen wurden unter Jägern Gespräche laut, dass mich doch jemand nachher im Hotel um die Ecke bringen sollte, aber es ist nie etwas passiert .

Frage: Sie erwähnten die Tierrechte. Werden diese abgeleitet von den Menschenrechten, dass man sagt, den Tieren stehen ähnliche Rechte zu?

Dag Frommhold: Ich verstehe unter Tierrechten grundsätzlich ein den Tieren wirklich zustehendes Recht auf Leben. Es geht nicht darum, Tieren möglicherweise einen etwas schöneren Tod zu bereiten, sondern sie grundsätzlich vor Schmerz und Tod durch Menschenhand zu bewahren. Die Aspekte, die im Falle von Mensch und Tier identisch sind, sollten auch auf dieselbe Art und Weise behandelt werden. Ein wichtiger Gedanke stammt von dem englischen Philosophen Jeremy Bentham: »Tiere haben ein Recht auf Leben. Es gibt nichts, was alle Tiere von allen Menschen unterscheidet.« Aus diesem Grund kann man an keinem Merkmal festmachen, dass es ein spezifisch menschliches Lebensrecht gibt.

Frage: Führt das in der Konsequenz dazu, dass wir eine vegetarische Gesellschaft anstreben müssten?

Dag Frommhold: Ja, in letzter Konsequenz schon.

Frage: Haben Sie die Hoffnung, dass der Menschheit dieser Evolutionsschritt eines Tages gelingen wird?

Dag Frommhold: Ich würde behaupten, dass der Mensch sich momentan selbst ziemlich effizient in diese Richtung bewegt: Die Bevölkerungsexplosion wird uns irgendwann keine andere Wahl mehr lassen, als uns vegetarisch zu ernähren, weil wir uns den Luxus von Fleisch nicht mehr erlauben können - sprich Anbauflächen etc. Da ist irgendwann das Limit erreicht.

Frage: Wir können es uns nicht mehr leisten, 70 Prozent des Getreideaufkommens der Welt als Tierfutter zu vergeuden. - Ist nicht auch, solange der Mensch Tiere tötet, eine ethische Höherentwicklung kaum möglich?

Dag Frommhold: Das halte ich für plausibel, weil das vorsätzliche Töten von Tieren - brutal gesagt - immer mit Verrohung verbunden ist.

Frage: Wenn ich friedlos gegenüber den Tieren bin, kann ich nicht friedfertig gegenüber den Menschen sein?

Dag Frommhold: Das kann man aus meiner Sicht so sagen.

Frage: Die »Ethik« - besser gesagt: der Mangel an Ethik - bei Jägern ist erschreckend: Mit dem entsprechenden Nervenkitzel werden erst die Kitze erschossen - und wenn dann die Ricke, ihrem Muttertrieb folgend, zurückkehrt, wird auch sie genüsslich abgeknallt. Diese sogenannten Jagdgeschichten wirken oft noch viel brutaler als die reinen Zahlen: Fünf Millionen Tiere pro Jahr - sind wir nicht viel zu sehr an große Zahlen gewöhnt? Ist nicht diese Einstellung, diese perverse Einstellung, die dahinter steckt, viel bestürzender?

Dag Frommhold: In Bezug auf die Statistik lässt sich sagen: Ein einzelner Tod ist eine Tragödie, Millionen von Toten sind eine Statistik. Die Motivation, die hinter der Jagd steckt, diese Niedertracht, mit der die Jäger das Töten wildlebender Tiere betreiben - gerade auch im Bezug darauf, was sie beim Töten empfinden - ist auf der einen Seite eine extrem üble Sache, andererseits ist sie natürlich aus psychologischer Sicht sehr interessant: Hinter der Jagd steckt mit Sicherheit eine interessante und gleichzeitig fatale Kombination aus Machtstreben, einem ziemlich hohen aggressiven Potential und in vielen Fällen wohl auch diverse sexuelle Abnormalien.

Frage: Gestern berichtete die BILD-Zeitung: »Jäger erschoss seine Frau und seine Hunde«. Eine psychologische Beratungsstelle berichtet von der relativen Häufung solcher Familientragödien im ländlichen Raum, weil die Büchse griffbereit im Schrank steht... Wenn man die Frau nicht erschießen kann, muss die Sau herhalten. - Ist die Jagd auf Tiere eine Ausgleichshandlung für Eheprobleme?

Dag Frommhold: Als Ersatzhandlung halte ich das in gewissen Fällen durchaus für plausibel.

Frage: Welchen Anteil haben Politiker und Staat an der derzeitigen Situation, dass den Tieren im Grunde keine einklagbaren Rechte zustehen?

Dag Frommhold: Meiner Ansicht nach sind Staat und Politik wesentlich dafür mitverantwortlich - und zwar insofern ausschlaggebend, als durch eine andere Gesetzgebung diese Problematik eigentlich weitgehend eliminiert werden könnte: Die Jagd könnte weitgehend in den Bereich des Illegalen gerückt werden. Das zeigt die Gesetzgebung in anderen Ländern - ich spiele jetzt insbesondere auf Holland an: Wenn einerseits ein relativ großer Teil der Bevölkerung und andererseits ein bis zwei ausschlaggebende Politiker der Jagd negativ gegenüber stehen, kann sich schon relativ viel ändern. Das neue Jagdgesetz, das wir in Holland haben, ist durchaus ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die meisten hierzulande jagbaren Tiere sind da immerhin schon geschützt und zumindest nur noch mit Sondergenehmigung zu verfolgen.

Frage: Stichwort »ökologische Notwendigkeit«: Was sagen Sie denn zu der Hauptrechtfertigung der Jäger: »Uns braucht man, weil sonst das ökologische Gleichgewicht im Wald zusammenbricht?« Das ist ja eine Rechtfertigung, die bei vielen Bürgern immer noch einigermaßen ankommt!

Dag Frommhold: Perfekte Alibi-Behauptung! Böse gesagt: Wenn ich Triebtäter bin, versuche ich die Beweggründe für meine Handlung irgendwie zu rationalisieren!

Frage: Was passiert mit einem Wald, in dem nicht mehr gejagt wird? Würde das ökologische Gleichgewicht zusammenbrechen und würden die Bäume und Felder aufgefressen?

Dag Frommhold: Sicherlich nicht! Es gibt ja Regulationsmechanismen in der Natur, die von Jägern konsequent außer Kraft gesetzt werden: Wenn man sich die ganze Winterfütterung anschaut, die den Winter als Flaschenhals und Regulationsmechanismus außer Kraft setzt, wenn zusätzlich diesem Futter Medikamente beigemischt werden um Seuchen auszuschalten, dann kommt man relativ schnell zu dem Ergebnis: Die Jäger schaffen künstlich ein Ungleichgewicht in der freien Natur, das nachher wieder den Vorteil für sie hat, dass sie Tiere abschießen können und müssen - und da schließt sich der Kreis dann.

Frage: Lautet nicht eine der Jäger-Ausreden, dass die natürlichen Feinde, sprich Bär, Wolf, Luchs weggefallen sind - wohlgemerkt: ausgerottet worden sind von den Jägern selbst - und dass man jetzt die Regulation anstelle dieser natürlichen Feinde von Wildschweinen, Rehen und Hirschen mit dem Gewehr übernehmen müsse?

Dag Frommhold: Das ist ein sehr verbreitetes Argument. Die Frage ist zunächst einmal, ob Beutegreifer überhaupt eine signifikante Auswirkung auf die Populationsdichte ihrer Beutetiere haben. Unter halbwegs natürlichen Bedingungen kann diese Frage ganz klar mit Nein beantwortet werden: Die Beutegreifer sind für die Regulation, d.h. die zahlenmäßige Kontrolle ihrer Beutetiere, nicht verantwortlich. Sie sind ein eher selektierender Faktor. Sie sorgen dafür, dass aus dem Kreislauf der Natur in erster Linie schwache und kranke Tiere entnommen werden, und dass dadurch der genetische Bestand der Population optimiert wird. Nachdem Jäger aber vor allem auf prächtige Tiere, nämlich Trophäenträger, aus sind, führt die von Menschen praktizierte Jagd dagegen in aller Regel zu einer naturwidrigen Fehlauslese. Auf der anderen Seite ist natürlich ein wesentlicher Punkt, dass durch natürliche Beutegreifer Seuchen relativ frühzeitig eliminiert werden können - ein Fuchs kann die Kondition und Gesundheit von Hasen testen, in dem er kurz hinterher spurtet und nur dann aufgibt, wenn das betreffende Tier schneller ist als er. Bei einem menschlichen Jäger ist das nicht möglich. Wenn man sich abgesehen davon anschaut, wie viel Prozent der Hasen in den Mägen etwa von Füchsen landen, dann sind das Prozentzahlen, die im unteren einstelligen Bereich liegen, in den meisten Gebieten sogar unter 1%. Und das ist in keiner Weise ein Faktor, der tatsächlich zur Reduktion der Population beiträgt.

Frage: Steht auf der Speisekarte der Füchse nicht auch das Aas?

Dag Frommhold: Ganz genau! Ein wesentlicher Teil der Hasen, die man in Fuchsmägen findet, sind z.B. durch den Straßenverkehr ums Leben gekommen, von Jägern angeschossen oder von landwirtschaftlichen Maschinen zu Tode gehäckselt worden - und werden dann erst vom Fuchs gefunden.

Frage: Man könnte also sagen: Wenn wir jetzt die Jagd verbieten würden in Deutschland, dann wäre das keine Katastrophe für den Wald. Was wäre mit den Verbissschäden im Jungwald durch zu viele Rehe und Hirsche? Wie steht es mit Schäden in der Landwirtschaft?

Dag Frommhold: Man muss sich auf jeden Fall eine Lösung überlegen. Es gibt begründete Statements, denen zufolge man doch bitte die Fütterung nicht sofort einstellen möge, weil das am Anfang sicher unangenehm wäre, nicht zuletzt auch für die Tiere, weil es angeblich ein Massensterben zur Folge hätte. Es ist mit Sicherheit so, dass es zu signifikanten Reduktionen der Bestände käme. Die andere Alternative wäre abzuwarten, für einen gewissen Zeitraum Schäden zu akzeptieren, und dann auf natürliche Art und Weise die Populationen sich wieder selbst regeln zu lassen. Ich denke, dass der Zeitpunkt gekommen ist, wo zumindest für einen definierten Zeitraum die Waldbewirtschaftung hinter anderen Dingen, die eben jahrelang mit Füßen getreten wurden, zurückstehen muss, wo man wirklich einmal anfangen muss, ethische Aspekte zu sehen und nicht immer nur ökonomische.

Frage: Es gab ja Zeiten, in denen neben dem Schalenwild auch Wisent und Auerochse in unseren Wäldern lebten - Kam da nicht auch Jungwald hoch?

Dag Frommhold: Keine Frage! Damals gab es auch noch keine Jäger, die immer munter gefüttert haben, um nachher viele Tiere zum Abschuss zur Verfügung zu haben. Das war noch ein natürlicher Kreislauf. Es gab mehr Waldfläche, auf die sich die Tiere verteilt haben, mehr Lebensraum. Trotzdem sind die Mechanismen, die damals funktioniert haben dieselben, die auch heute funktionieren würden - wenn man sie denn ließe! Aber anstatt tatsächlich ein ökologisches Gleichgewicht sich entwickeln, sich einpendeln zu lassen, schießen sich die Jäger ihr künstliches Gleichgewicht selbst zurecht und manipulieren die Zustände, die in der Natur herrschen, in so gravierendem Ausmaß, dass jede natürliche Regulation von vorneherein unmöglich wird.

Frage: In die Jagd wird ja auch jedes Jahr sehr viel Geld investiert...

Dag Frommhold: ...in der Gegend von einer halben Milliarde Mark liegt das...

Frage: Wenn man dieses Geld einsetzen würde, um Bauern, die wirklich geschädigt wurden, zu entschädigen?

Dag Frommhold: Es gibt mit Sicherheit ökonomische Aspekte, aber wenn man immer nur die ökonomischen Aspekte in den Vordergrund stellt - auch auf die Gefahr hin, dass wir irgendwann nicht mehr atmen können -, dann müsste man konsequenter Weise auch sagen: Wir verkaufen jetzt ein paar tausend Panzer, da kann man eine Menge Geld machen! Was ich damit zum Ausdruck bringen will: Es gibt einfach Situationen, in denen ethische Aspekte vor ökonomischen stehen müssen - und das sage ich als Unternehmer!

Frage: Das ist allein für das Überleben der Menschheit notwendig. Hat uns nicht der Mangel an Ethik an den Rand des ökologischen Kollapses geführt?

Dag Frommhold: Selbst bei einer rein anthropozentrischen Betrachtungsweise kommen wir zu demselben Ergebnis - das ist der schlagendste Beweis!

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