Jagd: Die legale Lusttötung
Tagebuch eines Töters

»Der Himmel färbt sich schon heller. Über mir noch klarer dunkler Morgenhimmel. Vor mir geht die Sonne mit rosa Schein auf...«. Eine geradezu idyllische Naturbeschreibung? Doch nein - der weitere Text liest sich wie das Tagebuch eines Mörders: »Bock kam links von der Kanzel beunruhigt schnell aus der De-
ckung, bis er etwa 20 m vor mir an der Grabenkannte sicherte. Schnell ohne einzustechen mit Flintenabzug Vollmantel geschossen. Der Bock bäumte sich deutlich sichtbar noch einmal auf, brach denn zusammen und lag. Treffer zu weit hinten, Pansen zerschossen und Leber angerissen. Kein Ausschuss. Sicher eine Sauerei beim Aufbrechen, aber letztlich wird nur der Schnitt am Schloss bakteriell verunreinigt, da alle anderen Muskeln noch in den Häuten stecken, die sich abziehen lassen. So lässt sich mit ein wenig gekonnter Feinarbeit das Wildbret des Stückes noch gut verwerten.«
(Lutz Möller: Rehwild-Jagdgeschichten - im Internet)

Das Töten wehrloser Geschöpfe ist für über 300.000 bewaffneter Bürger Nervenkitzel, Freizeitvergnügen und gesellschaftliches Ereignis.

»Ricke liegt etwa 25 - 30 m weiter mit Kammerein- und Blattausschuss (ohne Beinknochen- oder Schulterblatttreffer). Einschuss kalibergroß, durch eine Feder. Ausschuss etwa 2 cm durch die Rippen und etwa 2 - 3 cm im Muskelfleisch des Vorderlaufes. Stück (abwertende Bezeichnung für ein Wildtier, Anm. d. Verf.) zittert noch als ich dran bin, ist aber binnen der halben Minute schon tot.« (ebda.).

Welches unsägliche Leid entsteht in Tierfamilien? Die Ricke hat möglicherweise Kitze, die sie verzweifelt suchen, bis sie das schützende Dickicht verlassen und auch sie dem Jäger vor die Flinte laufen:

»Kitz durch das Rückgrat geschossen, kein Ausschuss zu erkennen, aber auch keine Kugel zu finden - seltsam. Des Rückenmarkstreffers wegen brach das Stück so blitzartig zusammen. Allerdings, und das erscheint mir seltsam, war es nicht sofort tot. Ich schieße noch einen Fangschuss durch den Träger, und schon ist Ruhe. Lehre: Rückenmarkstreffer müssen vorn, nahe dem Stammhirn, angetragen werden um sofort tödlich zu sein.« (ebda.)

Dass die Familientötung gewollt ist, zeigt folgende »Jagdgeschichte« von R. F. Semper, erschienen in »Wild und Hund« (1/1995): »Die Spätherbstsonne begann langsam müde zu werden, dunkle Wolken waren wieder aufgezogen. Endlich schien es sich die Alte (die Ricke, Anm. d. Verf.) anders zu überlegen und zog, begleitet vom Nachwuchs, auf die freie Fläche. Ich wartete noch solange, bis beide Kitze schussgerecht standen. Bevor noch das zweite Stück begriffen hatte, dass es das näher stehende im Schuss umwarf, hatte es ebenfalls die Kugel im Blatt...« Der Jäger schildert, wie das Muttertier erschrocken seine beiden toten Kitze anschaut, versteht, worum es geht und sofort die Flucht ergreift. Doch der Jäger bleibt ruhig - weiß er doch, dass die Ricke »ihrem Mutterinstinkt folgend, über kurz oder lang nach dem Verbleib ihrer Kitze forschen« wird. Und so ist es: Der Jäger setzt zum Schuss an, dass Geschoss trifft die Ricke etwas zu weit hinten. »Mit taumelnden Fluchten sprang sie genau in die Richtung ihrer Kitze um unmittelbar vor ihnen zusammenzubrechen...«

»Kitz durch das Rückrat geschossen... Ich schieße noch einen Fangschuss durch den Träger, und schon ist Ruhe«
Lutz Mäller: Rehwild-Jagdgeschichten

Schon die wenigen Auszüge zeigen deutlich auf: Die Jagd legalisiert den Sadismus, die Lust am Töten, den Lustmord - ganz abgesehen davon, dass ökologische Gesetzmäßigkeiten missachtet werden. Mit sogenannten »Jagdgeschichten« wird die Würde des geschändeten Tieres nochmals diskreditiert und die brutale Gewalt beschönigt, idealisiert und verbrämt.

Immer mehr Menschen fühlen und Wissenschaftler bestätigen: Die Tiere sind ebenso empfindende Lebewesen wie wir. Prof. Dr. Hubertus Mynarek, Begründer eines ökologischen Humanismus, sagt: »Wir müssen die Menschenrechte - längst ist das gefordert von vielen Philosophen - ausweiten auf die Tiere.« (Vgl. Interview S. 21ff ). Im Zeitalter der Aufklärung hat sich das Abendland die Menschenrechte erkämpfen müssen - gegen die Kirche und gegen den damaligen Staat.

Spätestens seit die Menschheit vor dem ökologischen Kollaps steht, muss deutlich werden: Auch den Tieren steht das Recht auf Leben, das Recht auf Würde, das Recht auf Freiheit, das Recht auf Familie zu.

Ein Skandal ohne Gleichen ist die Argumentation der Jäger, mit denen sie mitfühlende Zeitgenossen beruhigen wollen: »Jäger fügen aus Mitempfinden dem Wild nur die mit deren Tod unabdingbaren Leiden zu - mehr nicht.«

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