Schächten:
...grausamer Tod durch Verbluten

Eine nüchterne Pressenotiz: »Mit dem Schächturteil gibt das Bundesverfassungsgericht seinen Segen zum Tod durch Verbluten.« In der Tagesschau erlebten dann Millionen Fernsehzuschauer mit, was dies in der Praxis bedeutet: Ein Schaf wird mit Ketten rücklings festgebunden. Mit dem Messer wird dem verängstigten Tier Halsschlagader, Luft- und Speiseröhre durchgeschnitten. Je nach Tier - ob Schaf oder Rind - ringt das zum Tode verurteilte Wesen bis zu 4 Minuten mit dem Tode, während Fontänen von Blut an die Schlachthauswand spritzen.

Nicht genug, dass Tiere, unsere Mitgeschöpfe auf dieser Erde, oft brutalst in dunklen Ställen gehalten und gemästet werden, ohne je die Sonne gesehen oder frisches Gras gerochen zu haben. Jetzt darf ihnen auch noch bei vollem Bewusstsein die Kehle durchgeschnitten werden - sie sterben einen grausamen Tod durch Verbluten.

Laut deutschen Tierschutzgesetz haben die Tiere das Recht auf einen weniger grausamen Tod: Die Schlachtung »eines warmblütigen Tieres« ist nur erlaubt, »wenn es vor Beginn des Blutentzugs betäubt worden ist«. Mit dieser Bestimmung gerät das im Judentum und in Teilen des Islams gebräuchliche Schächten in Konflikt. Die Juden erhalten jedoch bereits seit Jahren Ausnahmegenehmigungen für rituelle Schlachtungen wegen religiöser Speisegesetze für das Passah-Fest. Muslimen wurde dies vor einigen Jahren durch das höchste deutsche Verwaltungsgericht verneint: Der Koran enthalte »seinem Wortlaut nach kein generelles Betäubungsverbot«. Doch nun erhielt ein türkischer Metzger vor dem Bundesverfassungsgericht Recht - mit der Folge, dass das Schächtverbot erheblich gelockert wurde.

Wenn das jetzt Schule macht, dass man unter Berufung auf bestimmte religiöse Bräuche bestehende Gesetze aushebeln kann, dann stellt sich die Frage, wo die Grenzen sind: Kann dann eines Tages ein erzürnter Ehemann unter Berufung auf das Alte Testament seine Frau wegen Ehebruchs öffentlich steinigen? Schließlich steht solches in der Bibel! Oder darf ein Religionsfanatiker demnächst einen Ochsen öffentlich auf dem Altar schlachten - zum »lieblichen Duft für den Herrn«? Schließlich stehen hierzu seitenweise Anleitungen in der Bibel! Droht ein anderer Bibelfanatiker dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, der sich öffentlich zu seinen gleichgeschlechtlichen Neigungen bekannt hat, demnächst mit einer Steinigung? Auch dies gebietet bekanntlich die Bibel - ein Buch, das die römisch-katholische Kirche noch heute einschränkungslos als Wort Gottes bezeichnet. Angesichts des Schächt-Urteils des Bundesverfassungsgerichts müssen wir aufpassen, dass nicht alle Dämme brechen!

Die Verfassungsrichter meinten beim Schächturteil lakonisch, es sei nicht wissenschaftlich erwiesen, bei welcher Art des Schlachtens die Tiere weniger leiden. Was meinen sie damit? Es stellt sich die provokante Frage: Geht es bei dem höchst umstrittenen Schächturteil vielleicht gar nicht so sehr um religiöse Toleranz? Wird am Ende die brutale alltägliche Praxis in deutschen Schlachthöfen legalisiert? Denn es ist inzwischen erwiesen, dass auch in »normalen« Schlachthöfen sehr viele Tiere nicht richtig betäubt werden und unter großen Schmerzen und Schreien lebendig aufgeschlitzt werden. Für diese gewagte These spricht die Tatsache, dass sich ein Verfassungsrichter ein Video vom Schlachthof-Alltag besorgte (FOCUS 4/2002) - schließlich sei das Gemetzel in deutschen Schlachthöfen für genauso gewalttätig. Warum regen sich eigentlich darüber so wenig Menschen auf, z.B. die 80% der Deutschen, die sich in Umfragen gegen das Schächten ausgesprochen haben?

Auch Dr. Bernhard Rambeck von der Vereinigung »Ärzte gegen Tierversuche« protestierte beim Verbraucherschutzministerium: »Der Begriff »humanes Schlachten«, den das Verbraucherschutzministerium in einer Presseinformation verwendete, sei ein Widerspruch in sich: »Schlachten kann niemals „human“ im ethisch moralischen Sinne sein, so wie es kein „humanes Töten“, keinen „humanen Krieg“ ... geben kann«. Nach Meinung der Vereinigung »Ärzte gegen Tierversuche« besteht der beste Tierschutz darin, kein Fleisch zu essen.


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