Interview mit Bernd Höcker, Autor vom »Vegetarier Handbuch«

»Wer sein Herz aufmacht, kann kein Fleisch essen«




Warum haben Sie persönlich mit dem Fleischessen aufgehört?

Bernd Höcker: Ich war immer schon Tierfreund, schon als Kind. Als Sechsjähriger sah ich einmal bei einem Bauern eine Schlachtung, sah, wie Schweine einfach aufgehängt und aufgeschlitzt wurden. Das hat mich damals bewogen, für einige Tage kein Fleisch anzurühren - bis mir von den Erwachsenen gesagt wurde, Fleischessen wäre die normalste Sache der Welt, Fleisch muss man essen. Und irgendwann wurde ich also »bekehrt« und habe Fleisch gegessen. Das änderte sich viele Jahre später auf einer Reise nach Norwegen, als ich auf einer mehrtägigen Wanderung ganz alleine in der Natur war. Dadurch sah ich die ganze Welt anders und bekam eine andere Haltung gegenüber dem Leben. Wenig später legte ich eine Fastenwoche ein - und mit großen inneren Kämpfen reifte die Entscheidung, mit dem Fleischessen aufzuhören. Es war kein einfacher Entschluss: Erst dachte ich, das halte ich gar nicht durch, wie soll ich da weiterleben, wie bekomme ich Weihnachten über die Bühne und all diese Dinge. Das war 1984, da war der Vegetarismus noch nicht so verbreitet. Zunächst dachte ich, wenn ich mit dem Fasten aufhöre, versuche ich es so lange ohne Fleisch durchzuhalten, wie ich es schaffe. Und dann ging es ganz ohne Probleme. Es ging mir körperlich und seelisch immer besser. Meine Umgebung reagierte allerdings mit Unverständnis.

Entstand so die Idee das »Vegetarier Handbuch« zu schreiben?

Bernd Höcker: Da ich Pädagoge bin und auch schon mal ein Computer-Handbuch geschrieben hatte, dachte ich: Jetzt machst du mal ein richtiges Handbuch, eine Anleitung zum Vegetarier werden, die alle Aspekte abdeckt, mit Motivation, Fakten, Argumenten, Ernährungsaspekten, philosophischen und psychologischen Überlegungen, Gedichten...

Wie erklären Sie sich, dass viele Menschen sagen: »Ich liebe Tiere und könnte nie ein Tier töten!«, aber trotzdem Tiere essen?

Bernd Höcker: Kürzlich habe ich mir das Video »Ich esse Fleisch - ich muss es sehen« angeschaut und konnte es nicht zu Ende bringen - es war einfach zu grausam. An der Stelle, wo der pfeifende Schlachter das sich aufbäumende Rind aufschnitt, konnte ich einfach nicht mehr! Die Menschen müssen erkennen, was da passiert - deswegen empfehle ich jetzt immer dieses Video -, und sie müssen erkennen, dass sie dafür verantwortlich sind - indem sie den Auftrag zum Töten geben. Man sieht ja immer nur das Tier und das fertige Produkt - man sieht nicht, was dazwischen kommt. Das wird ausgeblendet. Und als Normalkonsument fällt man darauf rein. Die anderen Leute finden Fleischessen ja alle auch normal. Und dann steht man da als netter, freundlicher Kunde und sagt: »Ich hätte gerne ein Viertel Kalbfleisch...«. Da denkt doch keiner, dass da etwas Schlimmes dahintersteckt.


Kinder haben oft noch einen natürlichen Bezug zu Tieren und weigern sich zum Beispiel, Opas Stallhasen, den sie vorher immer gestreichelt hatten, zu essen.

Bernd Höcker: So habe ich es als Kind auch erlebt: Man wird ausgelacht, wenn man sich ethisch berührt zeigt bei Tieren, wenn man sagt, man ist so traurig wegen dem Tier.
Und dann sagen alle: »Werd´ mal erwachsen! Die Welt ist nun mal kein Paradies und du musst dich damit abfinden, wie sie ist.« Und irgendwann geht man den Weg des geringsten Widerstandes.
Dann gehört man auch wieder dazu, wird nicht ausgelacht und ist wieder einer von denen. Wenn man das nicht macht, ist man immer ein Sonderling - heute vielleicht nicht mehr so wie früher.

Sind die Sorgen der Mütter und Großmütter begründet, Kinder, die kein Fleisch essen, würden nur mangelhaft ernährt?

Bernd Höcker: Die lacto-vegetarische Ernährung ist nach Auffassung der führenden Wissenschaftler völlig ungefährlich, wenn also neben Gemüse, Früchten und Getreide auch Milchprodukte gegessen werden. Z.B. hält Rottka, der die Studien für das Gesundheitsamt führte, die vegetarische Ernährung für Kinder für völlig unproblematisch (Rottka, H. und Thefeld, W.: Gesundheit und vegetarische Ernährungsweise. Studie des Bundesgesundheitsamtes. In: Aktuelle Ernährungsmedizin Heft 5, Band 9, Okt. 1984). Nach den Informationen, die ich habe, z.B: Leitzmann: »Vegetarische Ernährung«, 1998 ist die lakto-ovo-vegetarische Ernährung nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Babies und Kinder sowie Schwangere die optimale Ernährungsweise. Leitzmann schreibt auch, dass die Muttermilch von Müttern, die sich lakto-ovo-vegetarisch ernähren, gesünder ist, als die von Mischköstlerinnen, die Fleisch essen. Meiner Ansicht nach ist der Königsweg für Kinder und Erwachsene die lacto-vegetarische Ernährung. Die Vegankost kann richtig sein für Erwachsene, wenn man sich gezielt ernährt und seine Nahrung wirklich bewusst zusammenstellt, d.h. man muss wissen, wo ist das B12, wo ist das Calcium drinnen.

Von manchen Fleischessern hört man die Rechtfertigung: »Aber in der Bibel steht doch: Macht euch die Erde untertan...«. Oder: »Jesus hat doch auch Fleisch gegessen!«

Bernd Höcker: Wenn Jesus Fleischesser gewesen sein soll, müsste er entweder ein Weggucker gewesen sein und gesagt haben: »Schlachtet die Tiere, aber macht die Tür zu, ich kann das nicht sehen!« - oder aber er stach selber zu. Und einen Jesus, der selbst zusticht, der sich auf ein Lamm wirft, ihm die Kehle aufschlitzt und nachher blutüberströmt in dem Lamm rumwühlt, kann ich mir nicht vorstellen - ebensowenig wie den Weggucker.

Und dieses »Macht euch die Erde untertan« - ob das so stimmt, wie das da geschrieben ist, sei mal dahingestellt, aber wenn es stimmen würde, dann wäre der Mensch der Herrscher und die Tiere die Untertanen. Und welcher Herrscher, der noch irgendwie gerecht ist, frisst seine Untertanen auf? »Macht euch die Erde untertan« sollte bedeuten: Beschützt die Erde, sorgt dafür, dass es den Tieren gut geht. Das wäre auch die Aufgabe eines Herrschers: dafür zu sorgen, dass es den Untertanen gut geht.


Spätestens in unseren Tagen ist mit BSE, Schweinepest, Arzneimittelskandalen, Salmonellen, verseuchtem Fischmehl im Tierfutter usw. das Fleischessen zum Risiko für die Gesundheit geworden. Trotzdem gehen die meisten Menschen nach dem ersten Schock schnell wieder zum gewohnten Konsumverhalten über.

Bernd Höcker: Wie bei allen anderen Skandalen vergisst man das nach einiger Zeit - obwohl die Gefahr noch gar nicht vorbei ist. Die Schlagzeilen wühlen auf, und der Mensch ist gar nicht in der Lage, das Aufgewühltsein über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Und dann verdrängt er es und geht zur Tagesordnung über.

Die Inkubationszeit bei BSE beträgt mehr als 10 Jahre. Es könnte also sein, dass es in zwölf Jahren eine Massenepidemie gibt und die Städte nachher alle leer sind - das könnte auch passieren, aber das merkt man ja jetzt noch nicht. Ich halte nichts davon, Leute zum Vegetarismus zu überzeugen durch Hinweis auf die Gefahren.
Das einzige, das wirklich wirkt, ist, dass die Leute verstehen, was sie ethisch anrichten: was sie den Tieren antun und was sie dadurch auch sich selbst antun. Es geht um die Erkenntnis, dass Tiere eine Seele haben - das weiß im Grunde jeder. Man muss nur den Rückschluss ziehen vom eigenen Hund - von dem man im Grunde weiß, dass er eine Seele hat - auf die Wesen, die man quält und die nachher aufgefressen werden. Die Leute müssen erkennen, dass sie durch ihren Fleischkonsum Lebewesen zerstören, die eine Seele haben - und dass sie damit auch ihrer eigenen Seele schaden. Wer jemals gemordet hat, der ist nicht mehr derselbe - das weiß man von Leuten, die im Krieg waren, die werden davon verfolgt.


Nun meinen ja die Kirchen bis heute, dass die Tiere keine Seele haben.

Bernd Höcker: Ja, ich bin aus der Kirche ausgetreten. Wenn sie schon meinen, dass Tiere keine Seele haben, dann sollen sie damit nicht immer nur das Fleischessen rechtfertigen und die Tierversuche - dann sollen sie deutlich sagen, dass auch Hunde und Katzen keine Seele haben. Dann werden sie sehen, wie schnell die Hunde- und Katzenhalter aus der Kirche ausgetreten sind!

Dann sollen sie sagen: Euer Hund, das ist eigentlich nur ein Gerät, das nur mechanisch die Tatzen bewegt. Und wenn er quietscht, dann ist es so, wie wenn eine Schraube quietscht.


Wer die Bilder vom Leid der Tiere an sein Herz lässt, müsste eigentlich dadurch schon zum Vegetarier werden.

Bernd Höcker: Wenn das Herz zu ist, dann kann man auch genüsslich weiter Fleisch essen. Mit der Aussage »Tiere haben keine Seele« treffen die Leute eine Aussage über sich selbst, nämlich dass sie ihr Herz zugemacht haben, dass sie seelisch blind sind. Wer sein Herz aufgemacht hat, sieht ja die Seele des anderen.

Welche Forderungen stellen Sie an die Politiker?

Bernd Höcker: Zuallererst mal die Subventionen streichen - angefangen von Futtermitteln bis hin zu den Prämien für die Kälbertransporte und dem Aufkauf von überproduziertemn Fleisch. Die Verbraucher, die Fleisch kaufen, sollen das auch selber bezahlen. Dann wird der Fleischkonsum sowieso weniger, weil es viel zu teuer wird. Wenn man sich vorstellt, ein Schwein frisst für ein Kilo Fleisch etwa 10 Kilo Getreide oder Soja. Und 1 kg Soja kostet im Reformhaus mehr als ein Kilo Schweinefleisch - da sieht man, wie viel Subventionen da reingeflossen sind.

Und das andere ist: Bei den ganzen Fleischskandalen wird von den Politikern nicht einmal gesagt: »Es gibt auch vegetarische Kost, man muss kein Fleisch essen«. Selbst als der BSE-Skandal jeden Tag im Fernsehen war, wurde nicht ein einziges Mal gesagt, es geht auch ohne Fleisch - auch nicht von Renate Künast. Auch die Sendungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verschwiegen einfach die vegetarische Ernährung. Dabei hätte das öffentlich-rechtliche Fernsehen eigentlich die Verpflichtung, die Leute aufzuklären und einigermaßen objektiv zu berichten - doch die ganze Berichterstattung war streng nicht-vegetarisch. Von den ganzen Vegetarier-Studien müsste doch mal was gebracht werden im Fernsehen. Das wäre eigentlich die Forderung an alle, die irgendwas zu sagen haben.

Buchtipp:
Bernd Höcker: Vegetarier Handbuch.
Höcker Verlag 2001 (2. Aufl.).

ISBN 3-9804617-3-4

www.veggiswelt.de


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